Eine erhöhte Sammlung von Kunststoffabfällen ist der Grundstein für höhere Recyclingquoten

Deutsche Übersetzung mit redaktionellen, inhaltlichen Ergänzungen eines Beitrags von Antonino Furfari (Managing Director of Plastics Recyclers Europe) in Opinion Plus vom 3. Oktober 2018

Heute werden immer noch zu viele unserer Kunststoffabfälle nicht in den europäischen Sammelsystemen in den EU-Mitgliedsländern separat gesammelt. Von den jährlich in der EU produzierten rund 60 Millionen Tonnen an Kunststoffen werden nur rund 25,5 Millionen Tonnen als Abfall erfasst und hiervon wiederum werden lediglich 6,6 Millionen Tonnen auch tatsächlich in Recyclinganlagen verwertet. Dies hat zudem eine Vielzahl von ökologischen und wirtschaftlichen Konsequenzen.

Auch für Deutschland ist die Situation der Kunststoffabfallverwertung des Jahres 2016 (siehe Grafik unten) noch lange nicht optimal, obwohl wir hier bekanntermaßen „Europameister“ beim Recycling sind, aber es auch „nur“ schaffen, 25% der Kunststoffabfälle wieder im Kreislauf zu führen, der Rest wird weit überwiegend energetisch als Ersatzbrennstoff oder in MVA genutzt.

Abschätzungen zum Kunststoffkreislauf ür Deutschland im Jahr 2016 (Quelle: Destatis, Conservio)

Quelle: Holger Alwast; Vortrag auf der TASIMA23 am 26.9.2018 „Abfallwirtschaft 2050 mit und ohne KI“

Die Erhöhung der Zirkularität von Kunststoffen im Lichte der EU-Kunststoffstrategie hängt somit entscheidend von der Intensivierung und der Qualität der separaten Sammlung von Kunststoffabfällen ab. Ein starker Sekundärmarkt für polymere und monomere Kunststoffrecyclate kann nur durch eine verstärkte Sammlung und andere grundlegende Maßnahmen in den EU-Mitgliedsstaaten gesichert werden.

Wenn Kunststoffabfälle nicht getrennt vom Hausmüll (Restabfall) gesammelt werden, gehen wertvolle Ressourcen verloren und die europäischen Recycler bestimmter Produktströme (v.a. bei PE, PP, PET, PS) sind in einer wirtschaftlich anfälligen Position, da sie nicht in der Lage sind, die Nachfrage der Industrie ohne ausreichenden Materialfluss an diesen Kunststoffabfällen decken zu können.

Dies ist nach Angaben von Antonio Furfari aktuell z.B. der Fall bei Recyclern von PET-Flaschen (Polyethylenterephthalat – PET) in Europa, deren Recyclingkapazität die Menge der derzeit verarbeiteten PET-Abfälle stark übersteigt. Rund 200.000 Tonnen PET-Recyclingkapazität in Europa bleiben so aktuell ungenutzt.

Kunststoffabfälle, v. a. Einweg- und Mehrwegverpackungen, die fälschlicherweise in der direkten Umgebung, aber auch geordnet wie ungeordnet auf den Hausmülldeponien in Europa entsorgt werden, enden so oft in der natürlichen Umwelt, was Ökosysteme, wie die Europäischen Meere und die Weltmeere sowie auch die terrestrische Flora und Fauna stark belasten oder gar zerstören kann.

Der Mangel in vielen europäischen Staaten an geeigneten Abfallsammel- und -entsorgungssystemen, Bildungsprogrammen, Sensibilisierungskampagnen und Anreizen für die Bevölkerung hat gemäß Antonio Furfari auch erhebliche Auswirkungen auf die heutigen niedrigen Sammelquoten für Kunststoffabfälle in ganz Europa.

Demnach beginnt die Herstellung von Kunststoffprodukten aus Abfällen mit der Sicherstellung, dass alle Kunststoffabfälle in Europa durch effektive und qualitativ hochwertige Abfallmanagementsysteme gesammelt und erfasst werden können.

Wir können, gemäß Antonio Furfari, nicht länger mit minderwertigen Abfallwirtschaftssystemen in vielen der europäischen Staaten fortfahren, Kunststoffabfälle auf Deponien, in die Müllverbrennungsanlagen schicken oder die Kunststoffabfälle einfach woanders hin exportieren. In der Vergangenheit wurde ein ganz erheblicher Anteil unserer Kunststoffabfälle nach China und in andere Staaten in Südostasien exportiert (rund 2,5 Mio. Tonnen im Jahr 2017 für die EU-28 Mitgliedsstaaten, die sichtbar zu Beginn 2018 kurz abgenommen hat, um nun aber trotz des Quasi-Ausfalls von China und Hongkong wieder langsam anzusteigen – siehe Grafik von Plastic Recyclers Europe oder den Marktbericht in EUWID vom 4.10.2018), wodurch das Problem der ordnungsgemäßen Abfallwirtschaft in Europa nicht nur für diese Abfälle umgangen wird und die nötige Qualität der Abfallsammlung und -sortierung für Kunststoffe bisher nicht ausreichend aufgebaut wurde. Ohne die Wurzel dieser Probleme anzugehen, ist es aber unmöglich, die ubiquitäre Plastikverschmutzung zu beseitigen.

Quelle: Plastics Recyclers Europe

Gut etablierte Sammelsysteme für Kunststoffabfälle sind die treibende Kraft einer erfolgreichen Kreislaufwirtschaft. Die Anwendung bewährter Verfahren und das Lernen aus europäischen Ländern mit bereits wirksamen Sammelsystemen, wie v. a. in Deutschland oder in fast allen skandinavischen Ländern, können Gesetzgebern und Kommunen hierzu wertvolle Einsichten vermitteln.

Sowohl die Quantität, aber v. a. die Qualität von Kunststoffrecyclaten hängt in besonders starkem Masse von der Art und dem Ertrag eines gut funktionierenden und etablierten Sammelsystems ab. Systeme mit niedrigeren Kontaminationsraten produzieren Recyclate von höherer Qualität. Eine Plastikflasche, die z. B. über ein Rückgabesystem gesammelt wird, wie es dies beispielswiese schon in Taiwan, mit dem Rückgabeautomaten „iTrash“ blad im ganzen Stadtgebiet der „Smart City“ Taipeh gibt, wird eine beträchtlich geringere Verunreinigung aufweisen als eine Flasche, die über die gemeinsame Erfassung mit anderen Verpackungen oder gar zusammen mit dem gemischten Hausmüll gesammelt wird. Ein Belohnungssystem für die Bürger/ Verbraucher zum Abgeben der Flaschen im Rückgabeautomaten (Bonuskartensysteme z.B. für den ÖPNV oder andere Anreizsysteme, sprich indirekt „Geld“) erleichtert in diesem Fall den Recyclingprozess für die Kunststoffe erheblich.

Quelle n-tv: https://mobil.n-tv.de/mediathek/videos/wissen/Taiwan-revolutioniert-seine-Muellentsorgung-article20650066.html

Die bisher schon bestehenden Sammelsysteme für Kunststoffabfälle unterscheiden sich jedoch stark, nicht nur zwischen den EU-Mitgliedsstaaten, sondern auch zwischen Gemeinden und Regionen innerhalb der Mitgliedsstaaten. Dies wirkt sich dann auch erheblich auf den Output nach Menge und Qualität der Kunststoffrecycler aus.

Die Harmonisierung der Sammelsysteme für Kunststoffe in ganz Europa ist eine anspruchsvolle Aufgabe für den europäischen und die nationalen Gesetzgeber. Mit einer verstärkten und rationalisierten Sammlung für Kunststoffabfälle in ganz Europa würden konstante Ströme von Kunststoffabfällen zu den bestehenden und neuen Recyclinganlagen gesichert. Hierzu wird auch das chemische Recycling von Kunststoffen, das die polymeren Abfälle auf die jeweiligen Monomere zurückführt und danach wieder für die Kunststoffneuproduktion zur Verfügung stellen kann, einen großen Beitrag leisten. Erste großtechnische Pilotanlagen hierzu existieren seit dem letzten und diesem Jahr bereits für PE, PP, PET und PS, v. a. in den Niederlanden und in Skandinavien.

So könnte sich auch für Deutschland die Situation der Kunststoffabfallverwertung in der Zukunft unter Einfluss und Berücksichtigung der Künstlichen Intelligenz (KI) schon bald radikal verändern und am Schluss die in der Grafik unten dargestellten Materialflüsse in einem komplett von nicht nachwachsenden (fossilen) Rohstoffen abgekoppelten Zustand erreichen.

Künftige Situation für Deutschland mit KI in der Abfallwirtschaft (Quelle: Alwast Consulting)
Quelle: Holger Alwast; Vortrag auf der TASIMA23 am 26.9.2018 „Abfallwirtschaft 2050 mit und ohne KI“

Die Angleichung der Sammelquoten und die Einrichtung optimaler Sammelsysteme in der EU sind ein notwendiger Schritt für ein wirksames Abfallmanagementsystem für Kunststoffabfälle. Darüber hinaus sollte sich die Industrie darauf konzentrieren, „Design for Recycling“ -Prozesse zu implementieren, so wie es Konsumgüterproduzenten in Europa vermehrt auch tun wollen so z. B. Unilever, Addidas, IKEA noch bessere Sortierstandards für reinere Kunststoffrecyclate, v. a. der marktbeherrschenden Kunststoffsorten im Verpackungsbereich: PE, PP, PET und PS zu entwickeln und die Aufnahme von Recyclaten in den Primärmärkten der Produkthersteller dafür anzuregen. Dies ist dann eine echte zirkulare Wirtschaft für Kunststoffe (siehe Grafik oben).

Am wichtigsten ist aber, dass das Erreichen dieser Ziele in der Zukunft nicht ohne das entscheidende Engagement, den Mut für strategische Entscheidungen und die Anstrengungen aller Branchenakteure aus Industrie, der Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft, der Techniklieferanten für Sortier- und chemische Aufbereitungsanlagen sowie auch der Kommunen, einschließlich der Verbraucher in der gesamten EU, möglich wird.

Abkürzungsverzeichnis:

PET: Polyethylenterephthalat

PE: Polyethlyen

PP: Polypropylen

PS: Polystyrol

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